„Die Ängste haben sich zurechtgeruckelt“ - Pressemitteilungen - Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks e. V.
22.03.2016

„Die Ängste haben sich zurechtgeruckelt“

Seit der Flüchtlingskrise werden die Tafeln immer wieder als Ort der Verteilungskämpfe beschrieben. Ein Ort, an dem viele Deutsche fürchten, zu kurz zu kommen. Ein Besuch in einer Ausgabestelle.

Es ist Freitag, 13 Uhr – der Moment, auf den viele Kundinnen und Kunden der LAIB und SEELE-Ausgabestelle in Marienfelde schon lange vor der Tür gewartet haben. Jetzt beginnt die Registrierung, alle ziehen ein Los, das über die Reihenfolge bei der Lebensmittelausgabe entscheidet. Die Menschen versammeln sich im Warteraum; an einem Tisch wird deutsch gesprochen, an einem anderen arabisch, daneben türkisch und am hinteren Tisch russisch. 

„Am deutschen Tisch gab es vor allem im Herbst Vorbehalte gegen die Flüchtlinge“, erzählt die LAIB und SEELE-Kundin Patricia Grimm, „viele hatten Sorge, dass sie wegen der Ausländer nichts mehr kriegen.“ Auch zwischen den Zugewanderten hat sie Rivalitäten beobachtet: Flüchtlinge, die schon länger in Deutschland leben, schienen Angst zu haben, dass ihnen die nachkommenden Landsleute die Lebensmittel streitig machen.

Keine Ausgrenzung

Unter den Wartenden ist auch Fadi Jalbout. Der 42-jährige Richter ist vor anderthalb Jahren aus Syrien geflohen, im vergangenen November sind seine Frau und seine drei Kinder nachgekommen. Er wohnt mit ihnen in einem Flüchtlingsheim und sehnt sich nach einer eigenen Wohnung, einer Arbeitsstelle, seiner Heimat. Welche Erfahrungen hat er mit den Deutschen gemacht? Die findet er freundlich, berichtet Nagham Lafta, die für ihn dolmetscht.

Lafta ist Englischlehrerin, sie ist 2009 aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist ebenfalls Kundin bei LAIB und SEELE. Hat sie hier Rivalität oder gar Rassismus erlebt? Nagham Lafta erzählt, dass sie von einigen Deutschen auf der Straße wegen ihres Kopftuchs angepöbelt wurde. Auch Fadi Jalbout berichtet, dass seine Frau in einer Berliner Arztpraxis ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Im Hinblick auf die Ausgabestelle verspüren Lafta und Jalbout keine Ausgrenzung. Die Lebensmittel würden je nach Menge verteilt; wenn viel da ist, bekämen alle viel, wenn die Lebensmittel knapp sind, gehen alle mit weniger nach Hause. Beide finden das in Ordnung.

Gerechte Verteilung

„Ja, an manchen Tagen haben wir eine Porreestange pro Person, an anderen Tagen drei“, beschreibt Rosita Silber ihre Arbeit als Ehrenamtliche in der Marienfelder Ausgabestelle, „und manchmal schauen wir auch in enttäuschte Gesichter. Aber wir bemühen uns immer, alles gerecht zu verteilen.“ Vor der Ausgabe wissen die Ehrenamtlichen aufgrund der Registrierung, wie viele Personen heute Lebensmittel abholen. Während der Ausgabe ruft ein Mitarbeiter die aktuelle Zahl der Wartenden in den Raum, damit seine Kolleginnen den Überblick behalten, für wie viele Haushalte die Kartoffeln, Äpfel oder Auberginen noch reichen müssen.

Alireza Sheikhi kennt das Procedere von beiden Seiten, als Kunde und als Ehrenamtlicher der Ausgabestelle. Vor rund fünf Jahren ist er aus politischen Gründen aus dem Iran geflohen, seine erste Station war die Türkei. Mithilfe eines Asylantrags ist er vor gut zwei Jahren in Berlin angekommen, in einem Land, in das er eigentlich nicht wollte. Zuviel Schlechtes hat er über die Deutschen gehört, er wurde vor Fremdenfeindlichkeit gewarnt.

Nationenübergreifende Hilfe

Als Kunde bei LAIB und SEELE bekommt Alireza zunächst Lebensmittel, es folgt die Frage nach ehrenamtlicher Mitarbeit in der Ausgabestelle. Der 36-Jährige wird Teil des Teams. Hat er Fremdenfeindlichkeit oder Ausgrenzung erlebt? „Nein, ich habe ein sehr gutes Gefühl und bin zufrieden hier“, sagt Alireza.

Mittlerweile läuft die Ausgabe auf Hochtouren. An diesem Freitag verteilen die Ehrenamtlichen in der Marienfelder Ausgabestelle Lebensmittel für 153 Haushalte. Rund die Hälfte der Kundinnen und Kunden sind zugewandert. Die meisten kamen in den vergangenen Jahrzehnten aus Russland, dem Balkan, Polen und anderen Ländern. Die Zahl der aktuell Geflüchteten, die in Marienfelde Lebensmittel erhalten, schwankt von Woche zu Woche. Derzeit sind dort zehn Haushalte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz registriert, hinzu kommen aber viele Flüchtlinge, die als Hartz IV-Empfänger unterstützt werden.

Die Stimmung bei der Ausgabe ist hektisch, aber gut. Haben sich die deutschen Kundinnen und Kunden inzwischen mit den Flüchtlingen arrangiert? „Die Ängste haben sich zurechtgeruckelt“, berichtet Patricia Grimm. Mittlerweile helfen sich die Menschen beim Warten tisch- und nationenübergreifend. Heute hat ihr eine ältere Russin ein Paar selbstgestrickte Hausschuhe mitgebracht.

 

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