„Jeder Freitag ist anders“ - Pressemitteilungen - Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks e. V.
24.07.2017

„Jeder Freitag ist anders“

LAIB und SEELE – zwei Wörter, die zu einem Begriff geworden sind. 2005 hat in Berlin die erste von insgesamt 45 Ausgabestellen eröffnet. Die evangelische Kirchengemeinde Marienfelde war Nummer 42; jetzt feiert sie ihr zehnjähriges Jubiläum. Ausgabestellenleiterin Heidelore Müller erinnert sich.

„Ehrenamtliche für LAIB und SEELE gesucht“ stand 2007 im örtlichen Gemeindereport. Als Heidelore Müller das liest, hat sie gerade einen schweren Schicksalsschlag erlebt und ist auf der Suche nach einer Aufgabe. Einer sinnvollen Aufgabe. Hauptsache, das Leben fühlt sich wieder besser an.

„Ich hatte gar keine Vorstellung. Ich dachte, ich gebe da gekochtes Essen aus“, erinnert sie sich. Heidelore Müller erfährt, dass LAIB und SEELE stattdessen frische Lebensmittel für Bedürftige verteilt und meldet sich an: Jede Woche baut sie zwei bis drei Stunden Tische auf und bereitet mit den anderen Ehrenamtlichen die Ausgabe vor.

Demokratisches Ehrenamt

Es dauert nicht lange, bis aus den wenigen Stunden ein voller Arbeitstag pro Woche wird, jeden Freitag wird in der Marienfelder Gemeinde schon morgens geräumt, gesammelt und bis zum Nachmittag ausgegeben. 2012 sucht das Team eine neue Leitung und Heidelore Müller stellt sich zur Wahl: „Ich habe aber zur Bedingung gemacht, dass das Team darüber abstimmt, ob ich die Leitung übernehmen soll. Ehrenamt muss demokratisch sein.“

Ehrenamt ist ein großes Thema im Leben von Heidelore Müller. Neben ihrer Arbeit als Leiterin der Ausgabestelle ist sie seit neun Jahren Beirätin für LAIB und SEELE und seit sechs Jahren auch stellvertretende Vorsitzende der Berliner Tafel: „Wenn wir in einer sozialen Gesellschaft leben wollen, brauchen wir Ehrenamtliche. Aber dieses Engagement braucht noch viel mehr Würdigung durch Staat und Gesellschaft“, stellt sie fest.

Unterstützung für 350 bedürftige Menschen

Die Arbeit in der Ausgabestelle ist körperlich anstrengend; das Heben der Kisten, das Sortieren der Lebensmittel und das lange Stehen. Jeden Samstag spürt Heidelore Müller ihre Knochen beim Aufwachen, der Rücken tut weh, die Gelenke schmerzen. Auch emotional hinterlässt die Arbeit Spuren. Vor einigen Jahren gab es ein Missverständnis mit einer Kundin. Die Kundin hat der Ausgabestellenleiterin vor die Füße gespuckt und sie als „Nazi“ beschimpft. „Ich habe am ganzen Körper gezittert. Das hat mich tagelang verfolgt und ich habe ernsthaft an meinem Ehrenamt gezweifelt“, erinnert sich Heidelore Müller.

Warum macht sie weiter? Woraus zieht sie ihre Motivation? Heidelore Müller muss nicht lange nachdenken: „Wir verhindern, dass frische Lebensmittel in der Tonne landen. Unsere Ausgabestelle unterstützt jede Woche rund 350 bedürftige Menschen mit Lebensmitteln. Das ist Ansporn genug.“

Klare Regeln

Auch das Ausgabe-Team gibt Motivation und Halt. Die 51 LAIB und SEELE-Ehrenamtlichen in Marienfelde sind zusammengewachsen; sie arbeiten Hand in Hand, einige verbringen auch ihre Freizeit gemeinsam. Ein guter Anlass für private Treffen sind die Geburten der zahlreichen Enkelkinder, schließlich sind die Ehrenamtlichen mittlerweile zwischen 65 und 80 Jahre alt.

Beim Arbeiten sind alle Aufgaben verteilt, jeder im Team weiß, was er zu tun hat. Der Freitag in der Marienfelder Kirchengemeinde hat klare Regeln: Tourenplanung um 7.15 Uhr, Einsammeln der Lebensmittel ab 7.30 Uhr, ab 9 Uhr wird sortiert, ab 13 Uhr registriert und um 14 Uhr beginnt die Ausgabe. Um 17 Uhr ist Schluss, aber noch längst nicht Feierabend. Erst wenn die Tische gewischt und die Böden gefegt sind, gehen die Ehrenamtlichen nach Hause.

Überzeugende Lösungen und überraschende Hilfe

Und doch: „Jeder Freitag ist anders“, beschreibt Heidelore Müller ihre LAIB und SEELE-Arbeit, „als plötzlich viele Geflüchtete zu uns kamen, wussten wir nicht, wie wir uns verständigen können.“ Die Lösung war ebenso einfach wie überzeugend - das Team bastelte Piktogramme, auf denen Tiere abgebildet sind. Die Frage nach dem Schweinefleisch konnte nun mit einem Fingerzeig beantwortet werden.

Es war auch ein Freitag, als ein Laster mit Sachspenden überraschend vor der Ausgabestelle hielt. Es goss in Strömen, alle mussten mit anpacken. Die Ausgabe wurde kurzfristig unterbrochen, als plötzlich ein junger Mann seinen Rucksack im Regen abstellte, die Kisten auslud und dem Team half, bis der Laster leer war. Die Ausgabestellenleiterin war von so viel Hilfsbereitschaft und Umsicht begeistert. Ob er nicht jeden Freitag kommen wolle? Auch wenn er damals noch kaum Deutsch sprach, kam der geflüchtete Syrer von nun an regelmäßig. Er wurde Teil des Teams, lernte die Sprache und war anderthalb Jahre dabei. Mittlerweile hat er einen festen Job in Mitte.

Irgendwie klappt es immer

Kein Ausgabetag ist wie der andere. Mal stehen die Fahrer*innen im Stau, ein anderes Mal fallen Ehrenamtliche kurzfristig aus, keiner weiß, wie viele Kund*innen heute kommen und wie viele Lebensmittel gespendet werden. Aber irgendwie klappen die Freitage immer.

Der Blick auf die vergangenen zehn Jahre wirft unweigerlich die Frage nach der Zukunft auf. Was wünscht sich Heidelore Müller? „Ich wünsche mir, dass es in unserem reichen Land keine Tafeln geben müsste.“

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