Zehn Vorurteile über die Berliner Tafel - Pressemitteilungen - Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks e. V.
21.06.2017

Zehn Vorurteile über die Berliner Tafel

Timo Schmitt, Hygienebeauftragter der Berliner Tafel, räumt mit Vorurteilen gegenüber der Berliner Tafel auf. Hier sein Interview mit dem Foodsaving Anbieter ResQ Club.

1. „Die Berliner Tafel ist doch genau dafür da, für andere zu kochen!“

Wir unterstützen mit den geretteten Lebensmitteln rund 300 soziale Einrichtungen, die daraus fertige Mahlzeiten zubereiten und rund 50.000 Bedürftige, die in den LAIB und SEELE-Ausgabestellen Lebensmittel für den privaten Bedarf erhalten. Wir geben bewusst unverarbeitete Lebensmittel weiter, damit sich die Empfänger auch mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen. Wir wollen ja auch die Wertschätzung für Lebensmittel mit unserer Arbeit fördern und den Bezug zu natürlichen Produkten und deren Zubereitung wieder herstellen. Mittlerweile gibt es sogar schon zwei Kochbücher, eines von LAIB und SEELE (einer Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des rbb) und eines von KIMBA (Kinder- und Jugendbereich). Beide Bereiche sind neben Tafel Klassik (Unterstützung sozialer Einrichtungen) zwei wesentliche Säulen der Berliner Tafel. Insbesondere unser KIMBA-Angebot sieht sich auch ausschließlich der Ernährungsbildung verpflichtet. Hier können Kinder und Jugendliche, meist im Klassenverband, an vegetarischen Kochkursen teilnehmen. Wir fangen also schon bei den „Kleinen“ an, sie an das Selbstkochen und die Wertschätzung der Lebensmittel heranzuführen.

2. „Es ist schon schlimm, wie viele Leute nichts für Lebensmittel zahlen wollen und lieber bei der Tafel schnorren!“

Dass viele Menschen nicht allzu viel für Lebensmittel ausgeben wollen, ist leider bittere Realität heutzutage. Dabei hat Deutschland im internationalen Vergleich mit die günstigsten Nahrungsmittelpreise. Aber die Menschen, die Lebensmittel von der Berliner Tafel erhalten, sind bedürftig. Um in den Ausgabestellen von LAIB und SEELE Lebensmittel zu bekommen, ist ein Nachweis der Bedürftigkeit notwendig und werden entsprechend ihrer Wohnorte einer Ausgabestelle zugeteilt. Es ist also nicht möglich, an einem Tag z.B. in Neukölln Lebensmittel zu erhalten und an den anderen Tagen etwas in Kreuzberg, Lichtenberg oder Friedrichshain abzuholen. Nur eine Ausgabe pro Woche ist möglich. Sie bezahlen für die erhaltenen Lebensmittel eine Münze. Denn was nichts kostet, ist auch nichts wert und das wäre ja völlig kontraproduktiv zu unserem Selbstverständnis, die Wertschätzung von Lebensmitteln zu vermitteln.

3. „Wenn Restaurants Speisen übrig haben, dann muss die Tafel doch froh sein, diese mitnehmen zu können. Es ist schon frech, wenn die Tafel anschließend auch noch wählerisch bei den Produkten ist — schließlich sind sie gratis!“

Natürlich sind wir froh und dankbar, wenn uns jemand überschüssige Lebensmittel spendet. Darunter sind auch immer wieder Speisenangebote oder Catering-Überreste, die wir an Einrichtungen verteilen, deren Besucher*innen keine bzw. kaum Kochgelegenheiten haben; zum Beispiel die Bahnhofs- und Stadtmission, die sich um obdachlose Menschen kümmern.

Wir wollen alle Lebensmittelspenden sinnvoll und voll umfänglich weitergeben. Wenn ein Restaurant am Abend zehn Portionen übrig hat oder ein Bäcker acht Brötchen und drei Brote, dann ist der logistische Aufwand zu groß. Mit unseren 15 Kühltransportern sammeln und verteilen wir bis zu 660 Tonnen Lebensmittel im Monat. Da ist das Einsammeln von Kleinstmengen oft nicht effizient. Es gibt weitaus sinnvollere Lösungen von Foodsavern, wie MealSaver oder Foodsharing, die sich auf solche Fälle besser spezialisiert haben.

4. „Foodsaving-Anbieter wie MealSaver oder ResQ nehmen der Tafel das Essen weg!“

Nein, denn es handelt sich dabei um zwei völlig verschiedene Modelle. Wo genau die Unterschiede liegen, habe ich ja schon in der Frage davor beantwortet. Es ist absolut sinnvoll, dass sich bei der Komplexität der Ernährungsindustrie auch unterschiedliche, auf die diversen Szenarien spezialisierte Lebensmittelretter organisieren. So wird Lebensmittelrettung noch ganzheitlicher und nachhaltiger. Wir sehen uns also eher als Brüder und Schwestern im Geiste, als Partner und nicht als Konkurrenten. Was der eine nicht kann, macht eben der, der dafür besser aufgestellt ist.

5. „Das Essen bei der Tafel ist aber nicht mehr frisch, oder? Schließlich sind das ja irgendwo Abfälle… „

Diese Ansicht höre ich leider immer wieder. Natürlich haben nicht alle Waren, die wir weitergeben, die 1A-Qualität wie im Handel. Es hat uns auch viel Überzeugungsarbeit gekostet, den Händlern zu vermitteln, dass wir nicht ihren Müll, sondern ihre Aus- und Überschüsse haben wollen. Solange ein Lebensmittel aber immer noch für den Menschen genießbar ist, stellt dies für uns auch keinen Abfall dar. Wir würden auch niemals etwas weitergeben, was tatsächlich als Abfall zu kategorisieren ist. Was nicht mehr gut ist, entsorgen wir dann im Zuge der Sortierung und Kommissionierung in unserem Zentrallager.

6. „An die Normen der Lebensmittelindustrie muss sich die Tafel nicht halten, oder? Wie soll sie denn auch kontrollieren, ob die Produkte gut sind.“

Die Berliner Tafel ist ein ehrenamtsgetragener gemeinnütziger Verein. Als sogenannte Non-Profit-Organisation betreiben wir auch keinen regulären Wirtschaftsbetrieb. Dennoch gilt in der EU und somit auch in Deutschland, dass jede Organisation oder Unternehmung, die mit Lebensmitteln zu tun hat, rein rechtlich ein Lebensmittelunternehmen ist. Hierzu gibt es ganz klare gesetzliche Regelungen, zum Beispiel die Lebensmittelbasisverordnung — EU (VO) 178/2002 — in der eben dies definiert ist. Demnach ist die Tafel ein sogenannter Inverkehrbringer und somit gilt das vollumfängliche Lebensmittelrecht in all seinen Bestandteilen auch für uns. Wir unterliegen z.B. auch der regelmäßigen Kontrollpflicht der Lebensmittelaufsicht des Gesundheitsamtes.

Was die Qualitätsprüfung der Lebensmittel angeht, versuchen wir tagtäglich, alles uns Mögliche umzusetzen. Bei Großspenden sichern wir uns zum Beispiel stets über Gewährleistungen und Haftungsausschlüsse durch den Spender bezüglich der Genießbarkeit der Lebensmittel ab. Bevor die zuvor gesammelten Lebensmittelspenden wieder weiterverteilt werden, müssen sie, je nach Produktgruppe, mindestens drei Kontrollpunkte durchlaufen. Alle unsere Mitarbeiter*innen sind geschult und werden regelmäßig trainiert, um die Eignung der Lebensmittel zur Weitergabe ermitteln zu können.

7. „Die Tafel ist doch auch nur ein weiteres Prestigeobjekt der Stadtpolitik! Und wieder zahlt der Steuerzahler drauf…“

Diese Behauptung lässt sich komplett dadurch entkräften, dass wir seit dem ersten Tag unseres Bestehens unabhängig von öffentlichen Geldern arbeiten. Keinerlei Steuergelder finden den Weg zur Tafel. Dies ist übrigens ein Grundsatz unserer Tafelarbeit. Auch gehen wir konsequent dagegen vor, wenn wir Kenntnis darüber erlangen, dass Menschen von staatlichen Behörden zur Tafel geschickt werden, um dann gegebenenfalls deren Bezüge kürzen zu können. Wir verstehen uns in keiner Weise als Prestigeobjekt der Stadtpolitik, sondern sehen uns eher als Indikator und weisen mit unserer Arbeit auf soziale Missstände und politische Versäumnisse hin. Es gibt zwar auch für Politiker die Möglichkeit, die Tafel finanziell über einen Mitgliedsbeitrag zu unterstützen, dies geschieht aber stets als Privatperson, unabhängig von der parteilichen Gesinnung und Politik.

8. „Ich wette, die Mitarbeiter nehmen sich dann abends einfach alles mit, was nicht abgeholt wurde.“

Was nicht abgeholt wurde, bleibt bei uns im Lager und wird am kommenden Tag weiter verteilt. Es sei denn, die Lebensmittel wären dann nicht mehr verzehrfähig, weil sie beispielsweise das Verbrauchsdatum erreicht haben, dann dürfen sie von den Mitarbeiter*innen mitgenommen werden. Darüber hinaus haben wir die Regelung, dass bedürftige Mitarbeiter*innen — nach Abgabe von Lebensmittelspenden an die sozialen Einrichtungen und die LAIB und SEELE-Ausgabestellen — einmal wöchentlich Lebensmittel erhalten können.

9. „Bei der Tafel arbeiten ja nur so ehrenamtliche Gutmenschen, was soll ich da?“

Wir sind ein bunter Haufen und es kommen die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Überzeugungen zu uns, um zu helfen. Was uns alle eint, ist das Unverständnis über die sinnlose Vernichtung von essbaren Lebensmitteln. Oder der Wille, bedürftigen Menschen eine sinnvolle Unterstützung zukommen zu lassen. Wir haben viele Ehrenamtliche, einige Festangestellte, Praktikant*innen, Bundesfreiwillige und sogar auch viele selbst bedürftige Menschen, die etwas zurückgeben wollen mit ihrem Engagement. Ich würde uns eher als große Familie bezeichnen, die sich der skandalösen Verschwendung von Lebensmitteln entgegenstellt.

10. „Seit immer mehr Geflüchtete nach Deutschland kommen, vernachlässigt die Tafel jetzt sogar die bedürftigen Menschen, um die sie sich davor schon gekümmert hat.“

Auch dieses Argument ist uns in der Vergangenheit immer wieder zu Ohren gekommen. Dagegen wehren wir uns aber vehement. Es geht uns ausschließlich darum, Lebensmittel zu retten und Bedürftige damit zu unterstützen. Armut und Bedürftigkeit haben für uns keine Nationalität, keine Hautfarbe, keine Religion, kein Geschlecht. Wer Unterstützung benötigt, bekommt sie auch. Wenn das eben zeitweise mehr Menschen als sonst benötigen, dann rücken wir einfach etwas mehr zusammen und verteilen so um, dass alle etwas davon haben. Es gibt keine Bevorzugung irgendwelcher Gruppen … Uns geht es um Wertschätzung.

Quelle: ResQ Club. https://medium.com/resq-club/10-vorurteile-%C3%BCber-die-berliner-tafel-die-wir-schon-lange-klarstellen-wollten-16a4c6656ece

 


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